Für alle, die kubia – das Kompetenzzentrum für kulturelle Bildung im Alter und inklusive Kultur – noch nicht kennen: Was genau ist die Herzensmission von kubia, Frau Fricke?
»Es geht darum, Räume zu schaffen, in denen Menschen unterschiedlicher Generationen miteinander kreativ werden.«
Almuth Fricke: Unser Kernanliegen ist es, dafür zu sorgen, dass Kultur ein Ort für alle Menschen sein kann – unabhängig von Alter, körperlichen Voraussetzungen oder sozialem Hintergrund. Es geht darum, Räume zu schaffen, in denen Menschen unterschiedlicher Generationen nicht nur nebeneinander, sondern miteinander kreativ werden. Denn genau dort entstehen Verständnis, neue Perspektiven und oft auch überraschende Verbindungen.
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kubia steht für: Kompetenzzentrum für Kulturelle Bildung im Alter und inklusive Kultur. Als Fachstelle des Landes Nordrhein-Westfalen unterstützt kubia seit 2008 Kulturschaffende und Kultureinrichtungen, aber auch Tätige in der Sozialen Arbeit und Pflege dabei, kulturelle Teilhabeangebote für ältere Menschen und Menschen mit Behinderung zu entwickeln und umzusetzen. Dazu gehören regelmäßige Weiterbildungsangebote, z. B. zu Themen der Barrierefreiheit in Kunst und Kultur oder zu kulturellen Bildungsformaten in unterschiedlichen Kunstsparten, die sich an alte Menschen oder intergenerationelle Gruppen richten. Außerdem werden jedes Jahr Fördermittel aus dem Fonds Kulturelle Bildung im Alter vergeben. Gefördert werden sowohl die kulturelle Partizipation besonders von älteren Menschen, die bisher wenig oder gar nicht an Kultur teilhaben, als auch die Begegnung und der Austausch der Generationen in Kunst und Kultur.
Das Älterwerden ist in unserer Gesellschaft leider oft mit einem Verlust an Sichtbarkeit verbunden. Wie hilft kubia ganz konkret dabei, älteren Menschen wieder einen Platz in unserer Mitte zu geben?
Almuth Fricke: In unserer Arbeit beschäftigen wir uns intensiv mit Themen von Ageismus und Altersdiskriminierung, die mit dem Unsichtbarmachen älterer Menschen einhergehen. In unseren Weiterbildungen sensibilisieren wir Kulturschaffende dafür, wie stark klischeehafte Altersbilder unsere Sicht auf die Realität des Alter(n)s verstellen. Oft treffen wir auf ein Altersbild, welches das Leben im Alter als defizitär, kaum beeinflussbar und als weniger wertvoll erachtet. Wir wissen aus der Psychologie, wie sehr negative Altersbilder nicht nur die gesellschaftliche Sicht auf das Alter(n), sondern auch den Blick auf das eigene Alter beeinflussen.
»Ältere Menschen werden als Expert*innen ihrer eigenen Lebenswirklichkeit wahrgenommen – ihre Perspektiven bereichern den gesellschaftlichen Diskurs.«
In den Projekten Kultureller Bildung, die wir fördern, haben ältere Menschen die Möglichkeit, ihre eigene Sicht auf das Alter(n) auf die Bühne, die Leinwand, in ein Buch oder in den öffentlichen Raum zu bringen und zu zeigen, welche Potenziale, Chancen, aber auch Schwierigkeiten mit dieser Lebensphase verbunden sind.
Dadurch werden ältere Menschen nicht nur sichtbar, sondern als Expert*innen ihrer eigenen Lebenswirklichkeit wahrgenommen. Ihre Erfahrungen, Geschichten und Perspektiven bereichern den gesellschaftlichen Diskurs und erweitern unser Verständnis davon, was Alter heute bedeutet.
Mit dem Älterwerden kommen viele Menschen auch zunehmend in prekäre Lebensverhältnisse. Wer jeden Cent umdrehen muss, für den wird der Museums- oder Theaterbesuch oft zum unerschwinglichen Luxus. Welche Auswirkungen hat diese finanzielle Ausgrenzung auf Menschen – und wie kann kulturelle Teilhabe unabhängig vom Einkommen gelingen?
Almuth Fricke: In Deutschland ist derzeit rund jede vierte Person, die Rente bezieht, armutsgefährdet. In keiner anderen Altersgruppe ist das Armutsrisiko in den vergangenen Jahren so stark gestiegen. Besonders betroffen sind ältere Frauen sowie ältere Menschen mit internationaler Herkunftsgeschichte. Viele von ihnen können Eintrittspreise für Museen, Theater oder Konzerte kaum noch bezahlen. Dabei bedeutet kulturelle Teilhabe weit mehr als Unterhaltung: Sie schafft Begegnung, stärkt das Gefühl sozialer Zugehörigkeit und eröffnet Möglichkeiten, am gesellschaftlichen Leben aktiv teilzunehmen.
»Kulturelle Teilhabe ist mehr als Unterhaltung: Sie schafft Begegnung, stärkt soziale Zugehörigkeit und ermöglicht es, am gesellschaftlichen Leben aktiv teilzunehmen.«
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Kulturelle Teilhabe bedeutet, dass alle Menschen die gleiche Möglichkeit haben, an Kunst und Kultur teilzunehmen – völlig unabhängig von Faktoren wie Einkommen, Herkunft, Alter oder körperlichen Einschränkungen. Sie umfasst sowohl das passive Erleben von Kulturangeboten, wie etwa den Besuch von Theatern, Museen oder Konzerten, als auch das aktive Mitgestalten, bei dem Menschen selbst kreativ werden und sich ausdrücken. Kurz gesagt: Kultur ist für alle da und darf niemanden ausschließen.
Eine Studie der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf zur Kulturnutzung von Menschen, die kostenfreie Angebote sogenannter Kulturlisten oder Kulturlogen nutzen, verdeutlicht diesen Zusammenhang. Diese Initiativen vermitteln ungenutzte oder gespendete Eintrittskarten für Kultur- und Sportveranstaltungen an Menschen mit geringem Einkommen.
Die Studie zeigt …
… fast die Hälfte der Kulturgäste (44,5 Prozent) 60 Jahre oder älter ist. Für viele von ihnen hat die Nutzung von Kulturangeboten weitreichende Folgen: 57,2 Prozent der Befragten berichten, dass sich ihr persönliches Wohlbefinden verbessert hat.
Gleichzeitig entstehen vielerorts neue Modelle, um Kultur zugänglicher zu machen. Vor allem Einrichtungen der Freien Szene arbeiten mit Pay-What-You-Want- oder Selbsteinschätzungsmodellen. Museen entwickeln Formate, die finanzielle und soziale Barrieren gleichermaßen abbauen.
Ein gelungenes Beispiel:
Der KulturSalon+ in mehreren Münchner Museen. Das Angebot richtet sich über Quartierstreffs insbesondere an alleinlebende ältere Frauen und verbindet einen gemeinsamen Museumsbesuch mit Austausch und informellem Beisammensein.
Kulturelle Teilhabe wirkt damit weit über den einzelnen Museums- oder Theaterbesuch hinaus. Sie kann Einsamkeit entgegenwirken, das Selbstwertgefühl stärken und Menschen darin bestärken, ihren Platz im öffentlichen Leben einzunehmen.
»Entscheidend ist, Menschen persönlich anzusprechen und Angebote dort zu machen, wo sie sich ohnehin aufhalten und Vertrauen besteht.«
Armut ist in unserer Gesellschaft stark schambesetzt. Viele ältere Menschen in prekären Lebensverhältnissen ziehen sich fast unsichtbar aus dem gesellschaftlichen Leben zurück. Wie gelingt es, diese Menschen zu erreichen, ihnen die Scham zu nehmen und sie wieder in die Mitte eines kreativen Miteinanders zu holen?
Almuth Fricke: Entscheidend ist, Menschen persönlich anzusprechen und Angebote dort zu machen, wo sie sich ohnehin aufhalten und Vertrauen besteht. Erfolgreiche Projekte gehen deshalb in Quartierstreffs, Altenbegegnungsstätten, Nachbarschaftszentren, Kirchengemeinden oder zu den Tafeln. Sie organisieren dort künstlerisch-kulturelle Mitmachangebote oder gemeinsame Besuche von Museen, Theatern und Konzerten. Häufig sind es persönliche Einladungen, vertraute Ansprechpersonen oder der Besuch in einer Gruppe, die den Ausschlag geben. So wird die Schwelle, ein kulturelles Angebot wahrzunehmen, deutlich niedriger. Es geht darum, älteren Menschen das Gefühl zu vermitteln: Ihr seid willkommen. Eure Erfahrungen, eure Perspektiven und eure Kreativität sind wertvoll.
»Ihr seid willkommen. Eure Erfahrungen, eure Perspektiven und eure Kreativität sind wertvoll.«
Wenn Jung und Alt aufeinandertreffen, haben beide Seiten vielleicht auch das ein oder andere Klischee im Kopf. Was passiert in dem Moment, in dem man gemeinsam kreativ wird?
Almuth Fricke: Wir erleben regelmäßig, dass in intergenerationellen Projekten Erwartungen und Zuschreibungen der jeweils anderen Generation schnell revidiert oder zumindest relativiert werden. Zum Beispiel ging es in einem Theaterprojekt unter anderem um die Klimakrise. Da standen zunächst Vorwürfe der jungen an die älteren Teilnehmenden im Raum: »Warum habt ihr nicht verzichtet? Ihr wusstet doch, dass die Ressourcen der Erde endlich sind.« Die Älteren zeigten sich einsichtig. Zugleich wuchs das Verständnis unter den Jüngeren dafür, dass der (Nach-)Kriegsgeneration, die Mangel erlebt hat, Verzicht tatsächlich schwerfällt.
»Im kreativen Tun lassen sich Gemeinsamkeiten entdecken.«
Und am Ende eines intergenerationellen Kunstprojekts resümierte ein 16-Jähriger: »Was heißt hier Unterschied? Wir sollten viel mehr über die Gemeinsamkeiten sprechen!«
Genau darum geht es: Im kreativen Tun lassen sich jenseits von generationeller Zugehörigkeit Gemeinsamkeiten entdecken. Wir können in einen Dialog treten über Themen, die uns alle betreffen. Häufig stellen die Beteiligten fest, dass ihre Wünsche, Sorgen oder Hoffnungen viel ähnlicher sind, als sie zunächst angenommen hatten. Solche Erfahrungen können Vorurteile nachhaltiger abbauen als jede theoretische Diskussion.
Mehr über die von kubia geförderten Projekte erfahren?
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Angeregt von dem Tanzstück Nowhere Man tauschen sich Ältere und jüngere Menschen über das Thema Alleinsein aus. Zunächst lernen sie einander durch Briefwechsel kennen, besuchen dann gemeinsam das Tanzstück und vertiefen anschließend den intergenerationellen Austausch in Bewegungs-Workshops. Hier geht's zum Projekt.
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Kinder und ältere Menschen aus Lengerich arbeiten in Tandems an Kunstwerken zum Themenfeld Wasser, Natur und Leben. Mehr zum Projekt gibt es hier.
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Ein generationenübergreifendes Theaterprojekt, das ältere Menschen in Burscheid ins Zentrum rückt – mit ihren Geschichten, Erfahrungen und Perspektiven auf Fürsorge. Mehr dazu hier.
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In der gemeinsamen Beschäftigung mit dem Thema Lieblingsort entwickeln Kinder und ältere Menschen aus Bochum einen Film. Erfahre mehr.
Heute bekommen jüngere und ältere Menschen im Alltag oft kaum noch etwas von der Lebensrealität der anderen mit. Warum ist die Kultur ein so wunderbarer Ort, um diese unsichtbaren Grenzen aufzubrechen?
»Kunst erlaubt es, Fragen zu stellen, Geschichten zu erzählen und Perspektiven auszuprobieren, ohne bewerten oder recht haben zu müssen.«
Almuth Fricke: Das stimmt! Generationenbegegnungen außerhalb der Familie sind heute die Ausnahme und finden nur statt, wenn sie gezielt und gekonnt initiiert werden. Kunst und Kultur sind ein gutes Medium, um unterschiedliche Interessen zu verbinden und über ein gemeinsames Thema Begegnungen auf Augenhöhe zu ermöglichen – jenseits der üblichen Hierarchien zwischen Alt und Jung.
Jede*r kann seine Fähigkeiten und Erfahrungen einbringen. Voraussetzung sind eine wertschätzende und respektvolle Atmosphäre und eine geschulte Moderation, deren Blick nicht von einseitigen oder negativen Alters- bzw. Jugendbildern verstellt ist. Kunst erlaubt es, Fragen zu stellen, Geschichten zu erzählen und Perspektiven auszuprobieren, ohne sofort bewerten oder recht haben zu müssen.
Zahlen und Statistiken – sei es über Einsamkeit im Alter oder über die Zukunftsängste der Jugend – lassen oft Distanz entstehen. Gemeinsame Erlebnisse hingegen schaffen Nähe und Empathie.
»Kultur schafft Gelegenheiten, sich in andere hineinzuversetzen, Unterschiede auszuhalten und Gemeinsamkeiten zu entdecken.«
Almuth Fricke: Kultur schafft Begegnung. Aus abstrakten Gruppen werden konkrete Menschen mit Geschichten, Hoffnungen und Herausforderungen. Kultur schafft Gelegenheiten, sich in andere hineinzuversetzen, Unterschiede auszuhalten und Gemeinsamkeiten zu entdecken – und sei es die Erkenntnis, dass Einsamkeit oder Zukunftsängste Alt und Jung gleichermaßen betreffen. Und Kunst spricht uns unmittelbar über unsere Emotionen an. Sie hilft uns, Erfahrungen und Gefühle auszudrücken, für die Worte allein oft nicht ausreichen. Wenn Menschen gemeinsam Theater spielen, musizieren, schreiben oder gestalten, erleben sie nicht nur das Ergebnis, sondern auch den gemeinsamen Weg dorthin. Deshalb können Kunst und Kultur Empathie fördern und einen wichtigen Beitrag zum gesellschaftlichen Zusammenhalt leisten.
Was müsste passieren, damit das ehrliche Hinsehen, Zuhören und der kreative Austausch zwischen den Generationen nicht mehr die Ausnahme, sondern eine absolute Selbstverständlichkeit wird?
»Wir brauchen mehr Begegnungsorte: Dritte Orte, die partizipativ gestaltet werden können. «
Almuth Fricke: Wir brauchen mehr Begegnungsorte, an denen dieser Austausch entstehen kann: Dritte Orte, die partizipativ gestaltet werden können, sodass jede*r – unabhängig von Alter, Herkunft oder Einkommen – dort hinkommen und sich wohlfühlen kann. Ich bin sicher: Kreativität und Kunst werden dort wie von selbst ins Spiel kommen.
»Wenn wir Generationen nicht als Gegensätze betrachten, sondern als Menschen mit unterschiedlichen Erfahrungen und Kompetenzen, entstehen neue Möglichkeiten des Miteinanders.«
Darüber hinaus bedarf es einer gesellschaftlichen Haltung, die Vielfalt der Lebensalter als Bereicherung begreift. Wenn wir Generationen nicht als Gegensätze betrachten, sondern als Menschen mit unterschiedlichen Erfahrungen und Kompetenzen, entstehen neue Möglichkeiten des Miteinanders. Mein Wunsch wäre, dass solche Begegnungen nicht durch besondere Projekte herbeigeführt werden müssen, sondern selbstverständlicher Teil unseres gesellschaftlichen und kulturellen Lebens sind. Das erfordert zum Beispiel eine viel intensivere Zusammenarbeit der unterschiedlichen Ressorts und Einrichtungen in den Kommunen.
Vorstellung – Almuth Fricke
Almuth Fricke ist Literaturwissenschaftlerin (M.A.) und Diplom-Kulturmanagerin. Sie leitet seit 2007 das Institut für Bildung und Kultur e. V. (ibk). Dort gründete sie 2008 das Kompetenzzentrum kubia. Sie entwickelte zahlreiche, zum Teil internationale Forschungsvorhaben und Modellprojekte zur Kulturellen Bildung und zur Teilhabe im Alter. Außerdem ist sie Mitgründerin und Fachleiterin des Zertifikatskurses Kulturgeragogik und gehört mehreren kulturpolitischen Gremien an.
Foto: nadinepreiss.de